Kapitel 3: Die Jahre des Widerstands

Wenn ich heute auf die Jahre in der Pflegefamilie zurückblicke, sehe ich zwei Versionen von mir selbst: Da war der Junge, der sich nach Harmonie und Zugehörigkeit sehnte – und da war die Kraft in mir, die ich nicht kontrollieren konnte. Ich war wie ein Schnellboot mit blockiertem Ruder. Ich wollte die Richtung halten, aber mein ganzer Körper, meine gesamte Biologie, schien gegen mich zu arbeiten.

Hinweis zum Verständnis (FAS): Das Fetale Alkoholspektrum (FAS) beschreibt lebenslange körperliche und geistige Auswirkungen, die entstehen, wenn ein ungeborenes Kind im Mutterleib Alkohol ausgesetzt war. Dies kann unter anderem die Impulskontrolle, die emotionale Regulation und die Wahrnehmung von sozialen Signalen erheblich beeinflussen. Menschen mit FAS reagieren oft sensibler auf Stress und Reize, was im Alltag eine immense Herausforderung darstellen kann.

Heute weiß ich um die Last, die ich mitgebracht habe. Die Auswirkungen des Alkohols in der Zeit vor meiner Geburt waren in mir verankert wie ein unsichtbarer Code. Wenn ich früher ausrastete, war das kein böser Wille. Es war eine biologische Kurzschlusshandlung, eine Überforderung meines gesamten Nervensystems, die sich in Wut entlud, für die ich damals noch keine Worte hatte.

"Ich konnte die Schönheit der Momente sehen, aber ich konnte sie nicht halten. Ich habe die Brücken eingerissen, während ich eigentlich nur jemanden gesucht habe, der sie mit mir baut."

Es gab viele schöne Momente in dieser Zeit, und genau das macht den Schmerz im Rückblick so groß. Ich sehe heute, wie viel Liebe und Geduld mir entgegengebracht wurde, und ich erkenne, wie oft ich diese Liebe durch mein Verhalten, durch diese unkontrollierbaren Ausbrüche, torpediert habe. Damals habe ich nicht begriffen, warum ich so handelte. Ich fühlte mich selbst fremdgesteuert.

Es tut mir leid, dass es damals nicht harmonischer laufen konnte. Ich hätte mir und meiner neuen Familie ein einfacheres Leben gewünscht. Doch dieser Kampf hat mich gelehrt, dass man nicht für seine Herkunft verantwortlich ist, aber sehr wohl dafür, wie man im Erwachsenenalter mit ihr umgeht. Die Jahre des Widerstands waren keine verlorenen Jahre – sie waren eine bittere, aber notwendige Schule der Selbsterkenntnis.